Bozar/Brüssel: Rubens und sein Vermächtnis

Mehr
26 Sep 2014 20:23 - 26 Sep 2014 20:24 #1 von Aristoteles
Bozar/Brüssel: Rubens und sein Vermächtnis wurde erstellt von Aristoteles

Das zarteste Gefühl erheischen


SN Print | 25.09.2014

Wie rettet sich eine verletzliche nackte Frau vor gewaltbereiter Gier?

HEDWIG KAINBERGER BRÜSSEL. Gegen einen muskulösen Lüstling hätte diese weichhäutige Frau keine Chance, ginge es hier wie im wirklichen Leben zu. Wie sich diese Schöne trotzdem vor dem Bockbeinigen retten wird, hat Ovid in seinen „Metamorphosen“ verraten. Bevor sich aber diese Nymphe – wie’s geschrieben steht – in Schilf verwandeln wird, bevor der gierige Pan nur grüne Halme packen wird können, wie er es bereits mit seiner Linken tut, hat Peter Paul Rubens diesen Moment aufs Schillerndste gemalt: Wie gewiss ist, dass sich die Nackte vor der Gewalt des Mannes fürchtet? Flieht sie? Zaudert sie bloß? Und wie brutal ist dieser Pan? Wie mühelos könnte dieser tierische Kraftlackel das Schleierchen wegreißen! Aber er zupft nur behutsam daran.

Mehr als diese delikaten Details reißt etwas anderes in Bann: die Nacktheit dieser Frau. Für diese unendlich zarte, schimmernde Haut hat Peter Paul Rubens Rosa mit Elfenbeinweiß gemischt und auf grauen Grund aufgetragen.

Diese vibrierende Blöße berührt sofort peinlich. Diese intime Nacktheit macht den Betrachter zum Voyeur. Dabei malt Rubens seine nackten Frauen schamlos: nicht im Sinne von würdelos oder obszön, sondern naturverbunden, wenngleich immer mit einem winzigen Detail höchster Eleganz – ein feiner Zopf, ein hauchdünner Schleier, ein zarter Reif am Oberarm – und ohne jeglichem geistig gezüchteten Skrupel an Körperlichkeit. Dies ist seit Donnerstag dieser Woche in Brüssel zu entdecken: „Sensation und Sinnlichkeit“ heißt die neue Ausstellung – eine Kooperation der Museen in Brüssel und Antwerpen sowie der Royal Academy of Arts in London, wohin die Schau im Jänner nächsten Jahres übersiedelt.

Zweifach ungewöhnlich ist diese Ausstellung im Museum Bozar: Erstens wird enttäuscht, wer sich hier an riesigen Schinken ergötzen will – wie immensen Altarbildern oder monumentalen Bacchus- oder Venusfesten. Die bleiben in den Museen, wie dem Kunsthistorischen in Wien. Freilich findet man hier im Bozar auch einige prächtige, zu sechs Themenblöcken präzise ausgewählte Ölbilder. Solche Großgemälde hat Rubens komponiert und dann üblicherweise von Mitarbeitern seiner Werkstatt ausführen lassen. Aber hier im Bozar gibt es auch einiges an kleinem, puren Rubens: Zeichnungen, Bozzetti und Skizzen direkt von seiner Hand, die er mit betörender Akkuratesse und Großzügigkeit, gefühl- wie schwungvoll führte.

Zweitens wird enttäuscht, wer neue Details der Biografie des Barockmalers sucht. Dafür eignet sich besser ein Ausflug nach Antwerpen, wo sein Wohnhaus als Museum zu besichtigen ist. In der Brüsseler Ausstellung wird sein Werk nach Inhalten, aber noch mehr sein Wirken dargestellt: Wie hat er andere Künstler beeinflusst? Wer hat sich von ihm wie inspirieren lassen? Und wie lässt sich Rubens’ damalige Wirkung heute begreifen?

Dafür findet Kurator Nico van Hout unkonventionelle Kombinationen: Gleich zu Beginn zeigt er Grausamkeit und Gewalt, die Rubens so zu malen vermochte, dass Betrachter erschaudern – beim Blick auf den Biss des Tigers, die Jagd der Löwen, den Raub der Proserpina. Nico van Hout hält Rubens daher für „den Quentin Tarantino seiner Zeit“. Als Auftragsmaler der Mächtigen, der Propagandabilder gekonnt inszeniert hat, gilt er als Vorläufer „ideologischer Cineasten“ wie Sergej Eisenstein oder Leni Riefenstahl.

Freilich sind da als Rubens-Jünger Anthony van Dyck, einst sein Mitarbeiter in Antwerpen, oder Eugène Delacroix vertreten. Auch Rembrandt hat Bilder von Rubens dezidiert als Vorlagen benützt – so wie Rubens zuvor es mit Tizian gemacht hatte. Doch Kurator Nico van Hout zeigt auch Parallelen zu Manet, Renoir und Cezanne sowie zu drei Österreichern: Hans Makart, Gustav Klimt und Oskar Kokoschka. Alles drei sind mit Leihgaben aus Wien in Brüssel vertreten.

Während Rubens in Österreich vor allem mit katholischen Kirchenbildern und antiker Mythologie bekannt ist, lassen sich in Brüssel andere Wirkungskreise erkennen. So baute er die Wiege des französischen Rokoko.

Oder: Die Landschaftsmaler der Romantik – John Constable, William Turner und Thomas Gainsborough – nahmen sich Rubens zum Vorbild. Warum das nur in England? Die meisten seiner Landschaftsbilder sind seit je in englischen Sammlungen.

Rubens’ Wirkungsmacht liegt in seinem malerischen Genie begründet, mit dem er alles an damals verfügbarer Höchstleistung in Form- und Farbgebung aufsog – Veronese, Tizian, römische Kunst bis hin zur Farbwirkung des chinesischen Porzellans. Er kombinierte es neu und lud es mit großen Gefühlen auf: Horror, Gewalt, Erotik, Frömmigkeit, Eleganz, Macht.

Zudem machte er sich seinen Fleiß (er soll täglich um 4 Uhr früh aufgestanden sein), seinen kaufmännischen Spürsinn sowie die Technik von Stichen und Drucken zunutze, indem er deren Vertrieb kontrollierte, sich für einige europäische Länder sogar Urheberrechte sicherte und so Geld verdiente. Einige seiner Szenen – etwa die Kreuzabnahme aus dem Dom von Antwerpen – sind einprägsam wie geflügelte Worte. Vor allem Stiche seiner religiösen Szenen wurden weit verbreitete Propaganda: über die Jesuiten wie über die Habsburger nach Spanien und von dort nach Mexiko, Peru und die Philippinen.

Ausstellung: Sensation und Sinnlichkeit – Rubens und sein Vermächtnis, Bozar, Brüssel, bis 4. Jänner 2015, danach in der Royal Academy of Arts in London (24. Jänner bis 10. April 2015).

Meum est propositum in taberna mori
Letzte Änderung: 26 Sep 2014 20:24 von Aristoteles.
Mehr
26 Sep 2014 20:25 #2 von Aristoteles

...hält Rubens daher für „den Quentin Tarantino seiner Zeit“

:P

Meum est propositum in taberna mori
Es bedanken sich: Carolus
Powered by Forum