Brunn am Gebirge und Winnall II (England): Frühmittelalterliche Gräber im Vergleich

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22 Jan 2012 18:59 - 22 Jan 2012 19:00 #1 von Jahelle
Wien - Beinahe jedes zweite frühmittelalterliche Grab ist nicht mehr im Originalzustand, sondern wurde gestört - nicht immer waren es allerdings Grabräuber auf der Suche nach Schätzen, die die Totenruhe missachteten. Darauf macht die Wiener Archäologin Edeltraud Aspöck von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) in einem Beitrag aufmerksam, der kürzlich im "Oxford Journal of Archaeology" veröffentlicht wurde. Demnach können verschiedene Motive dafür eine Rolle gespielt haben. Für die Wissenschafterin sind solche Graböffnungen "unterschätzte Quellen, die viel über die Mentalität der damaligen Zeit aussagen", erklärt die Wissenschafterin.

Bereits in den 1970er Jahren hatten Wissenschafter festgestellt, dass rund 40 Prozent der frühmittelalterlichen Grabstätten gestört wurden. "Mittlerweile kennen wir noch mehr, die Zahl der Grabstörungen ist vermutlich noch viel höher, weil solche Eingriffe oft gar nicht erkannt werden", so Aspöck, die sich bereits seit ihrer Diplomarbeit 2002 mit dem Phänomen "Grabraub" bzw. "Graböffnung" auseinandersetzt. Auch ihre Doktorarbeit hat sie an der University of Reading (Großbritannien) zum Thema "Sonderbestattung" geschrieben. Derzeit arbeitet Aspöck an der Prähistorischen Kommission der ÖAW an der Auswertung spätbronzezeitlicher Gräberfelder und plant dort ein Projekt zur weiteren Erforschung von Graböffnungen.

Als Beispiel nennt die Forscherin ein langobardenzeitliches Gräberfeld aus dem 6. Jahrhundert in Brunn am Gebirge (NÖ). Die dort gefundenen rund 40 Gräber wurden praktisch alle nochmals geöffnet. Ursprünglich ging man von Grabräubern aus, die in Nacht- und Nebel-Aktionen auf der Suche nach Schätzen und wertvollen Materialien die Gräber durchwühlten. Doch eine exakte Analyse der Fundsituation brachte überraschende Ergebnisse.

Manche Gräber waren völlig geplündert, in anderen wurden offensichtlich bewusst noch wertvolle Gegenstände zurückgelassen. Manche Knochen waren noch in anatomisch korrekter Lage, andere wiederum völlig durcheinander geworfen. In manchen Gräbern wurden eigenartige Veränderungen vorgenommen, etwa ein zweiter Schädel im Grab deponiert oder der Schädel im Skelettbereich verlagert. Solche Verlagerungen seien vor allem zu einem Zeitpunkt vorgenommen worden, als die Körper der Toten noch nicht vollständig verwest gewesen sind, so Aspöck.

"Diese Befunde weisen darauf hin, dass es sich dabei nicht um wildes, planloses Rauben gehandelt hat", erklärte die Archäologin. Dass man mit den Toten - je nach Zeitraum seit der Bestattung - anders umgegangen ist, könnte auf Vorstellungen im Zusammenhang mit Toten- oder Übergangsritualen hindeuten: noch nicht vollständig verweste Körper könnten für Verstorbene gestanden seien, die sich noch im Übergang ins Totenreich befinden. Diese Gräber wurden anders behandelt als solche mit bereits völlig skelettierten Überresten.

Die Wissenschafterin hat im Zuge ihrer Doktorarbeit weitere Befunde für Graböffnungen bei einem aus der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts stammenden Friedhof in der Nähe von Winchester (Südengland) festgestellt - und zwar beim Studium der archivierten Originaldokumentation der Ausgrabung des Friedhofs Winnall II. "Da sind mir verschiedene Zeichen aufgefallen, die ich auch aus Brunn kannte, etwa bestimmte Funde im Grabschacht, Knochen verschiedener Individuen in einem Grab, etc.", so Aspöck. Das Phänomen der Grabstörung sei zum Zeitpunkt der Grabung in den 1970er Jahren unter britischen Archäologen kaum bekannt gewesen, weshalb das damals gar nicht in Erwägung gezogen wurde. "Man findet bevorzugt Dinge, von denen man weiß, dass es sie gibt", betonte die Archäologin.

Bei den Gräbern in Winchester fanden die Graböffnungen sehr bald nach der Bestattung statt, d.h. bevor die Körper verwest waren und mit dem Ziel, die Körper zu manipulieren. Dabei könnte der weit verbreitete Wiedergänger-Mythos eine Rolle gespielt haben, vermutet die Wissenschafterin, "da gibt es ganz viele verschiedene Praktiken, damit die Toten im Grab beschäftigt sind und drinnen bleiben". Ebenso könnten Unglücke wie Naturkatastrophen oder Missernten mit den Toten bzw. einer falschen Bestattung in Verbindung gebracht worden sein.

Selbst wenn es sich um Grabräuber gehandelt hat, muss es nicht unbedingt um materielle Werte gegangen sein, sondern etwa darum, bestimmte Gegenstände zu besitzen bzw. etwas zu stören, um den Lebenden zu schaden. Möglich sei auch, dass etwa die umherziehenden Langobarden selbst "Erinnerungsstücke" aus Gräbern ihrer Verstorbenen entnommen haben. Für Aspöck kann man deshalb von unterschiedlichen Arten von "Grabraub" sprechen. "Angesichts der Vielzahl an Graböffnungen muss es jedenfalls eine kulturelle Komponente gegeben haben." (APA, red)

quelle: derstandard.at/1326502957856/Nicht-nur-G...-Grab-wurde-gestoert

abstract: onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.14...011.00370.x/abstract

Where is the horse and the rider? Where is the horn that was blowing?
They have passed like rain on the mountain, like wind in the meadow.
The days have gone down in the West behind the hills into shadow.
How did it come to this?
Letzte Änderung: 22 Jan 2012 19:00 von Jahelle. Begründung: Titel gekürzt
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